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Empfehlungen zur UVB-Versorgung von Reptilien

Autor: Ingo Diegel

Update 30.5.2011:

Aufgrund der rasanten Entwicklung auf dem UVB-Lampen-Markt sollten die Empfehlungen, die in dem folgenden Artikel zu finden sind, mit Vorsicht betrachtet werden!
Lampenhersteller wechseln - sagen wir mal - "immer mal wieder" die Bauweise Ihrer Lampenmodelle. Dies kann verheerende Folgen für die Tiere nach sich ziehen.
Bitte lesen Sie den Artikel gründlich und kritisch durch und bilden Sie sich Ihre eigene Meinung!

Download der Zusammenfassung meines UVB-Vortrages bei der AGARK-Tagung in Bonn am 2.4.2011:

Aktueller UVB-Artikel 2011 (*.doc)

Aktueller UVB-Artikel 2011 (*.pdf)


Für den Knochenstoffwechsel von Reptilien ist die Ver­sorgung mit Vitaminen, Spurenelementen, Kalzium aber auch UV-Licht (Vitamin-D-Stoffwechsel) enorm wichtig!
Viele UV-Lampen geben erschreckend wenig UVB-Strahlung ab - oder sie kommt über die Entfernung zum Sonnenplatz einfach nicht beim Tier an. Rachitis beim jungen bzw. Osteomalazie (Knochenerweichung) beim adulten Pflegling ist die mögliche Folge.
Die adäquate UV-Beleuchtung des Terrariums stellt seit vielen Jahrzehnten eine große Herausforderung an den Terrarianer dar. Lange Zeit waren nahezu keine Lampen mit ausreichender Leistung im Handel erhältlich... im Gegensatz dazu mit der geradezu legendären Osram Ultravitalux 300W ein echtes „UV-Geschoss“, das nur kurzzeitig und mit ausreichend Sicherheitsabstand angewandt werden durfte, um Strahlenschäden zu vermeiden.
Die Zeiten haben sich geändert. Mittlerweile bietet der Handel eine breite Auswahl an Lampen und fast jeder Hersteller preist seine als die Beste an. Leider gibt es aber viele Modelle, die zu wenig oder gar kein UVB-Spektrum abgeben, und andere, die aufgrund zu hoher Strahlung (oder falscher Strahlenqualität (z.B. UVC)) Augenschäden und Verbrennungen beim Tier verursachen können.
Selbst für den erfahrenen Terrarianer ist es ohne spezielle Messinstrumente schwierig, die richtige Lampe im scheinbar unendlichen Angebot der Reptilienläden und Onlineshops zu finden - zumal die Herstellerangaben auf den Verpackungen oft verwirrend und manchmal sogar falsch sind. Korrekte Angaben zur Reichweite der abgege­benen Strahlung fehlen meist.
Gerade die ist aber entscheidend für die Lebensqualität unserer Pfleglinge. Bei zu großem Abstand verpufft selbst die Leistung der besten UV-Lampe, und zu geringer Abstand kann zu lebensbedrohenden Verbrennungen führen.
Die professionelle Beurteilung neu entwickelter oder vom Hersteller modifizierter Lampen muss mittels Spektral­analyse erfolgen. Dennoch ist ein handliches UV-Mess­gerät, wie das Solarmeter 6.5 der Firma Solartech, das zu einem relativ erschwinglichen Preis (im Vergleich zu Spektrometern) auch von privaten Tierhaltern erworben werden kann, ein sehr hilfreiches Instrument zur Kontrolle von UV-Lampen.
Wir haben eigene Lampenmessungen der gängigsten Modelle durchgeführt und wollen mit unseren Ergebnissen helfen, in Terrarien gehaltene Reptilien mit ausgewogener UV-Strahlung zu versorgen.
Die gesamten Ergebnisse der Studie gehen auf das Knowhow der Waliser Tierärztin Frances Baines zurück, die sich seit Jahren intensiv mit der Beurteilung von UV-Lampen beschäftigt und weltweite Anerkennung von Terrarianern und Reptilientierärzten erhält.
Referenzmessungen des Sonnenlichts auf der Erde zeigen, dass UVB-Strahlen in Sonnenqualität durch bestimmte UV-Index-Werte („UVI“) charakterisiert sind.
In der Natur werden mit dem Solarmeter 6.5 UV-Index-Werte von 0 bis weit über 10 gemessen (Ferguson et al 2009).
Definition des UV-Index (Wikipedia.de 2010):
„Der UV-Index (UVI) gibt die sonnenbrandwirksame solare Bestrahlungsstärke an und variiert mit der Bewölkung, mit dem Sonnenstand (also mit geographischer Breite, Tages- und Jahreszeit), mit der Dicke der Ozonschicht, sowie mit der Höhe. Er bestimmt zusammen mit der Bestrahl­ungsdauer und der Hautfarbe (Hauttyp und Vorbräunung) den notwendigen Lichtschutzfaktor. In Vorhersagen wird der für den betreffenden Tag erwartete Maximalwert angegeben. Im deutschen Raum sind in den Monaten Mai bis August mittags UV-Indizes zwischen fünf und acht üblich. Gegen 10 und 16 Uhr sind die Werte typischer­weise etwa halb so groß.“

Solarmeter 6.5 (UV-Index)

Diese Definition bezieht sich auf menschliche Haut und ein mit dem Sonnenlicht vergleichbares Lichtspektrum und ist deshalb nicht unmittelbar auf Reptilien und Lampen mit künstlichen UV-Spektren übertragbar. Es gibt aber durchaus große Unterschiede beim Hauttyp. Chamäleonh­aut ist beispielsweise wesentlich UV-empfindlicher als die Haut von Bartagamen oder Landschildkröten.
Dennoch können durchaus Parallelen bei der Klassifi­zierung der UV-Indizes gezogen werden. Während für den Menschen UVI-Werte bis 5 als relativ harmlos gelten, werden Werte von 6 bis 10 als potenziell und Werte über 11 als ausgesprochen sonnenbrandgefährlich eingestuft.
Der Autor nimmt an, dass vor allem die Augen und die Haut empfindlicherer Reptilien (diverse Chamäleon- und Phelsumenarten) der menschlichen Haut und Augen sehr ähnlich einzustufen sind und hat bereits wiederholt Hautverbrennungen und Augenschäden unter vergleich­baren Umständen beobachtet (z.B. UVI>10).
Ferguson et al (2009) studierten wildlebende Reptilien in ihrem natürlichen Habitat und fanden heraus, dass selbst die klassischen „Sonnenanbeter“ die extreme Mittags­sonne meiden.
Ferguson empfiehlt die Haltung in einem ausreichend großen Terrarium, um ein UVB-Gefälle zu erzeugen. Die Tiere können ihren Sonnenplatz und die Dauer der Sonnenbäder selbst wählen und finden jederzeit Schattenplätze vor – je nach Bedarf zur Vitamin-D-Synthese.
Als Richtwerte für die UVI-Höchstwerte im Terrarium schlägt Ferguson folgende Einteilung vor (die „Ferguson-Zonen“ beziehen sich auf die Beobachtungen der Verhaltensweise wild lebender Tiere):

Zone 1: Dämmerung oder Schatten – UVI 0,7
Zone 2: gelegentliche Sonnenbäder – UVI 1,0
Zone 3: Halb- bis Vollsonne – UVI 2,6
Zone 4: Mittagssonne („Sonnenanbeter“) –  UVI 3,5
und mehr

Tiere der Zonen 1 und 2 können mit UV-Röhren oder UV-Kompaktlampen versorgt werden.
Für Zone 3 und 4 sind Halogenmetalldampf- und Misch­lichtlampen empfehlenswert.
Den Halogenmetalldampflampen ist jedoch aufgrund ihrer exzellenten Lichtausbeute der Vorzug zu geben.
Die UVI-Referenzwerte aus der Natur kann man sich im Terrarium bei der Positionierung der UV-Lampe zu nutze machen. Abhängig vom ursprünglichen Habitat des Pfleglings sollten UVIs von etwa 1-4 verfügbar sein, da Extremwerte über 6 auch von wildlebenden Tieren nur selten und kurzzeitig genutzt werden (Ferguson et al 2009).

Lampenempfehlungen

Aufgrund unserer Messungen werden die folgenden Leuchtmittel zur sonnenähnlichen UVB-Bestrahlung von Reptilien empfohlen. Aber Vorsicht: wenn man im Laden mehrere exakt gleich verpackte und beschriftete Lampen kauft, kann es zu Leistungsabweichungen von weit über 100% kommen! Diese Ungenauigkeiten sind herstellungs­bedingt kaum vermeidbar und treten selbst bei den besten Lampen auf. Die Schwankungen der Lampen spiegeln sich bei den teilweise enormen Unterschieden der folgenden Distanzempfehlungen wider.
Aus diesem Grund empfiehlt der Autor privaten Reptilienhaltern die Anschaffung des Solarmeters 6.5 zur Durchführung eigener Messungen der individuell benutzen Lampen, als wertvolles Instrument zur Abstands­bestim­mung und Leistungskontrolle von UV-Lampen, die zuvor spektrometrisch beurteilt und für gut befunden wurden.
Die Abstandsangaben beziehen sich auf den Hauptstrahl, also den hellsten Fleck auf einem unter dem Lichtkegel liegenden Blatt Papier (sehr wichtig bei der Installation von Ästen und anderen Sonnenplatzaufbauten).
Außerhalb des Hauptstrahls dürfen sich die Tiere bis auf die Hälfte der Distanz nähern.


Die abgebildete Grafik stellt beispielhaft die Verteilung der UV-Strahlen einer Lampe dar und ist von einer kegelförmig linearen Ausbreitung weit entfernt.
Die Tiere sind im Zentrum des Lichtkegels beispielsweise im Abstand von 20cm einer vielfach höheren "UVB-Belastung" ausgesetzt, als nur etwa 10cm daneben...

Damit das Tier selbst entscheiden kann, ob es sich sonnen und UV-Licht aufnehmen oder ob es sich nur wärmen möchte, ist es wichtig, eine zusätzliche Wärmelampe zu installieren (z.B. Reflektorlampe).

Helligkeit, Wärme und Strahlungsintensität müssen individuell auf die jeweilige Terrariengröße und das gepflegte Tier abgestimmt werden.

Zone 1: Dämmerung oder Schatten – UVI 0,7
Bright Sun UV Jungle 50W (Lucky Reptile): ca. 25-40cm*
Bright Sun UV Jungle 70W (Lucky Reptile): ca. 35cm
SolarRaptor UV Lamp 35W (Solar Raptor): ca. 40cm
D3 Reptile Lamp 6%UVB 15W (Röhre) (Arcadia):
ca. 25-30cm
Reptisun 10.0 UVB 15W (Röhre) (ZooMed): ca. 45cm
Reptistar T8 15W (Röhre) (Sylvania): ca. 25-30cm

Zone 2: gelegentliche Sonnenbäder – UVI 1,0
Bright Sun UV Jungle 50W (Lucky Reptile): ca. 20-35cm
Bright Sun UV Jungle 70W (Lucky Reptile): ca. 30cm
Bright Sun UV Desert 70W (Lucky Reptile): ca. 35-55cm
D3 Reptile Lamp 6%UVB 15W (Röhre) (Arcadia):
ca. 20-25cm
D3+ Reptile Lamp 12%UVB 15W (Röhre) (Arcadia):
ca. 45-50cm
D3 Compact Reptile Lamp, 26W (Kompaktlampe)
(Arcadia): ca. 35-40cm
D3+ Compact Reptile Lamp, 26W (Kompaktlampe)
(Arcadia): ca. 35cm
Compact UVB Sun, 15W (Kompaktlampe) (Lucky Reptile): ca. 35-40cm
Compact UVB Sun, 23W (Kompaktlampe) (Lucky Reptile): ca. 35cm

Zone 3: Halb- bis Vollsonne – UVI 2,6
Bright Sun Flood Desert 70W (Lucky Reptile): ca. 40-55cm
Bright Sun Desert 70W (Lucky Reptile): ca. 25-50cm*
Bright Sun Desert 50W (Lucky Reptile): ca. 40-55cm*
SolarRaptor UV Lamp 70W (Solar Raptor): ca. 55cm
SolarGlo 125W (ExoTerra) ca. 30-80cm*
SolarGlo 160W (ExoTerra) ca. 40-60cm*

Zone 4: Mittagssonne („Sonnenanbeter“) –  UVI 3,5
und mehr
Bright Sun Flood Desert 70W (Lucky Reptile):
ca. 35-50cm*
Bright Sun Desert 70W (Lucky Reptile): ca. 20-45cm*
Bright Sun Desert 50W (Lucky Reptile): ca. 30-50cm*
SolarRaptor UV Lamp 70W (Solar Raptor): ca. 40-50cm
SolarGlo 125W (ExoTerra) ca. 20-80cm*
SolarGlo 160W (ExoTerra) ca. 20-50cm*

Röhren und Kompaktlampen benötigen einen effektiven Reflektor, um die gemessenen Werte zu erreichen!
Grundsätzlich sollte aufgrund der exzellenten Lichtaus­beute den Halogenmetalldampflampen der Vorzug gege­ben werden.
*) Die enormen Schwankungen der individuell gemes­senen Lampen bergen Gefahren, die keine allgemein gültigen Empfehlungen zulassen und nur durch Einzel­messungen objektiviert werden können!

Ergänzung

UV-Filter: Normales Fenster- oder Terrarienglas für ist für UVB-Licht undurchlässig. Deshalb muss die Lampe entweder im Terrarium (für das Tier nicht erreichbar) oder über dem Terrarium (z.B. im Reflektorkegel auf Metallgaze stehend) installiert werden. Zu beachten ist jedoch, dass beispielsweise Metallgaze die UV-Strahlung auf ihrem Weg zum Tier um etwa 30-35% abschwächt.
Eine allgemeingültige Installationsanleitung für UV-Lampen ist auch deshalb nicht möglich!
Die Messung der tatsächlich erreichten UVI-Werte im individuellen Terrarium ist die einzige verlässliche Möglichkeit, die am Tier ankommende UV-Strahlung zu erfassen.
Exkurs: Vergleich Solarmeter 6.5 vs. Solarmeter 6.2:

Seit einigen Jahren findet das Solarmeter 6.2 (Fa. Solartech) zunehmend Einzug in die Terraristik. Es misst UVB-Werte in der Einheit µW/cm2. Während in der Natur, also unter der „echten Sonne“ Werte von etwa 100µW/cm2 mit dem Solermeter 6.2 gemessen werden, zeigt das Solarmeter 6.5 am gleichen Ort UVI-Werte von etwa 1,6 - 2 an.
Die folgende Grafik der spektralen Empfindlichkeit beider Messgeräte zeigt jedoch, dass das Solarmeter 6.2 (blaue Linie) auch noch im UVA-Bereich (>320nm) Strahlung erfasst, während sich das Solarmeter 6.5 (rote Linie) sehr nah an die Vitamin-D-Synthesekurve (schwarze Linie) an­schmiegt.
Die Vitamin-D-Synthese erfährt ihr Maximum bei etwa 297nm. Schädliche UVC-Strahlung beginnt unterhalb von 280nm.















Das Solarmeter 6.2 kann sich somit von erhöhter UVA-Strahlung hinters Licht führen lassen. Wenn nun eine Lampe eigentlich zu wenig UVB-Strahlen im relevanten Bereich von etwa 290-310nm abgibt, aber sehr viel UVA-Strahlen (>320nm), dann können die Referenzwerte von 100µW/cm2 problemlos erreicht werden, obwohl die Lampe nicht als UVB-Licht geeignet ist.
Das Solarmeter 6.2 sollte deshalb nicht länger zum Vergleich verschiedener Leuchtmittel herangezogen werden, sondern dem SM6.5 der Vorzug gegeben werden, wenn beurteilt werden soll, ob eine Lampe zur Vitamin-D-Bildung geeignet ist oder ob ein Material transparent im Vitamin-D-wirksamen Wellenlängenbereich ist. Die Beurteilung, ob gleichzeitig ein erhöhte Gefahr von Verbrennungen besteht, muss der Spektralanalyse über­lassen werden.

Anhang

Wichtig: Achten Sie beim Kauf des Solarmeters bitte auf den richtigen Sensor! Bestellen Sie das Gerät mit Siliconcarbid-Sensor (SiC), der zur Messung von UV-Lampen geeignet ist – der Standardsensor kann nur für die Messung natürlicher Sonnenstrahlen verwendet werden!


© 2010 Ingo Diegel
Kopie nur komplett und unter Angabe des Autors erlaubt!